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CoMet Fortbildung Sofia, Mai 2013

SIEBEN EUROPÄISCHE NATIONEN IM „FLOW“

Barbara Bernzen
Studienseminar für Gymnasien, Marburg

Zu einer einwöchigen Tagung zum Thema „Kooperative Methoden in Schulentwicklung und Lehrerbildung“ waren im Zeitraum vom 12–18.05.2013 über 40 TeilnehmerInnen aus sieben europäischen Staaten und neun unterschiedlichen Institutionen der Lehrerbildung sowie die Leiter von fünf Ausbildungsschulen zu Gast in Sofi a. Diese Tagung ist Bestandteil des Projektes „CoMet“, einem Teil des Programms „Lifelong Learning“ des Comenius-Programms der Europäischen Kommission. Ausrichter dieser dritten Tagung zu CLM (d.h. Cooperative Learning Methods) war diesmal die Fakultät für klassische und moderne Philologien der St.-Kliment-Ohridski-Universität Sofia, die alle Teilnehmer dieser rundum gelungenen Veranstaltung mit seiner hervorragenden Organisation begeisterte.
Unter der organisatorischen Gesamtleitung von Dr. Christoph Peter (Studienseminar für Gymnasien Marburg/Deutschland) konzentrierte sich die Arbeitstagung inhaltlich auf Fragen, die sich bei der Implementierung von CLM speziell auf der Leitungsebene von Bildungseinrichtungen der Mitgliedsländer des Konsortiums ergeben. Das anspruchsvolle und dichte Programm erhielt einen besonders würdigen Auftakt dadurch, dass der gesamte erste Tag in den imponierenden Räumen der St.-Kliment-Ohridski-Universität, Sofi a stattfi nden durfte. Eine ganz besondere Ehre war es, dass die TeilnehmerInnen und ReferentInnen nicht nur durch die bulgarischen Projektpartnerinnen Frau Prof. Dr. Daniela Stoycheva und Frau Dr. Radka Ivanova, auf deren Schultern der Löwenanteil der umfangreichen Vorarbeiten zur Organisation vor Ort ruhte, sondern auch durch den Dekan der Fakultät für klassische und moderne Philologien Herrn Prof. Dr. sc. Tsvetan Teofanov und den Prodekan Herrn Prof. Dr. Dimitar Vesselinov in der repräsentativen Aula des prächtigen Hauptgebäudes der St. Kliment-Ohridski-Universität, Sofi a begrüßt wurden. Das würdevolle Ambiente und die herzlichen Begrüßungsworte hinterließen bei allen Teilnehmern einen nachhaltigen Eindruck. Sie konnten sich wirklich willkommen und mit ihrem gemeinsamen Anliegen ernst genommen fühlen: Gute Ausbildung, Innovation, Kompetenz, lebenslanges Lernen als Auswege aus den Krisen Europas.
Da bei derartigen Veranstaltungen auch die informellen Gespräche einen wesentlichen Beitrag zum Gelingen leisten, muss besonders erwähnt werden, dass in der Planung dafür hinreichend Raum vorgesehen worden war. Da sich etliche der TeilnehmerInnen von der gemeinsamen Arbeit bei den früheren Tagungen in Heidelberg (Deutschland) und Istanbul (Türkei) her schon recht gut kannten, gab es großen Gesprächsbedarf, z.B. über die Arbeitsvorhaben, die im Rahmen der internationalen Lehrerfortbildung in Istanbul (September 2012) entwickelt worden waren. Dank der Einladung der St.-Kliment-Ohridski-Universität, Sofia zu einem Cocktail-Abend im Restaurant Alma Mater konnten die Begegnungen an einem Ort mit sehr ansprechender Atmosphäre stattfinden.
Mit den Referaten der international renommierten Bildungsforscherin Frau Prof. Dr. Anne Sliwka (Pädagogische Hochschule Heidelberg/Deutschland) zum Stand der internationalen Forschung und denen des über die Schweizer Grenzen hinaus als Berater von Bildungsinstitutionen geschätzten Prof. Peter Heiniger (Pädagogische Hochschule Thurgau/Schweiz) zu den Gelingensbedingungen der Implementierung von CLM in Institutionen wurden die richtungweisenden Impulse für die intensive Arbeit in den Workshops der ganzen Woche gegeben. Da es ein zentrales Anliegen der Tagung war, mit Multiplikatoren konkret zu erproben, wie CLM effektiv nicht nur im Unterricht, sondern auch bei Entscheidungsfi ndungsprozessen in Leitungsgremien eingesetzt werden können, wurde auch von den TeilnehmerIinnen mit kooperativen Methoden gearbeitet. Basierend auf diesem „Ähnlichkeitsprinzip“ kann es den Leitungen von Hochschulen, Lehreraus- und –fortbildungsinstituten, Seminaren und Schulen gelingen, ein glaubwürdiges Vorbild für sämtliche (Aus-) Bildungsebenen zu sein. Auch Methoden zur Entfaltung der Phantasie in Planungsprozessen, zu deren praktischer Erprobung die Teilnehmer_innen immer wieder konkret angeleitet wurden, spielten hierbei eine entscheidende Rolle: Versunken in die Arbeit vergaßen alle alles Ablenkende – die Teams waren im „Flow“!
Die bisher schon am Projekt beteiligten TeilnehmerInnen gewährten bei einem phantasievoll gestalteten „Markt der Möglichkeiten“ interessante Einblicke in den bisherigen Stand ihrer Arbeit vor Ort. Da Umstrukturierungsprozesse in Institutionen immer und überall erheblichen Einsatz von Zeit und Kräften erfordern, wirken solche Präsentationen von „Best practice“-Zwischenergebnissen als ermutigende Vorbilder für eigene angestrebte Veränderungsprozesse in „lernenden Institutionen“.
Über dieses Kennenlernen von Methoden sowie Strategien zur kooperativen Gestaltung von Veränderungsprozessen hin zu mehr und sachgerechterem Einsatz von CLM in der eigenen Institution und über die wissenschaftliche Begleitung der konkreten Arbeit an eigenen Konzepten hinaus bot das Tagungsarrangement einen informativen Einblick in kooperative Arbeitsformen in einem bulgarischen Industrieunternehmen (Skipter Ltd). Hier zeigte sich erneut, dass es sich bei CLM nicht um eine pädagogische Modeerscheinung, sondern auch um eine Qualifi zierung für die Erfordernisse moderner Wirtschaftsunternehmen handelt. Unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Daniela Stoycheva wurde interessierten TeilnehmerInnen ein Einblick sowohl in die Unterrichtsarbeit der Friedrich-Schiller-Stiftung am Gymnasium „Petko Karavelov“ Nr. 55 als auch zugleich in den Ausbildungsstand von Lehramtstudierenden des Studiengangs „Germanistik“ der St.-Kliment-Ohridski-Universität, Sofi a am Ende ihres Schulpraktikums ermöglicht. Beeindruckend waren für die Gäste vor allem das hohe Sprachniveau und die Motivation der SchülerInnen, für die sicherlich nicht zuletzt der abwechslungsreich mit kooperativen, kommunikativen Phasen gestaltete Unterricht sowie die Schülerzugewandtheit und das hohe Engagement der zukünftigen LehrerInnen verantwortlich waren.
Abgerundet wurde die arbeitsintensive Tagung mit den Ausführungen des Leiters des Studienseminars Marburg (Deutschland) Ulrich Schmermund, der in seinem Referat die Grundsätze einer wirksamen und respektvollen Feedbackkultur vorstellte und die TeilnehmerInnen anleitete, diese sogleich praktisch zu erproben. Damit folgte er den Ergebnissen internationaler Bildungsstudien, die nachweisen, dass das wirksamste Mittel zur Lernförderung regelmäßiges, differenziertes Feedback ist.
Abschließend wurde die Tagung insgesamt evaluiert; das Peer-Feedback erbrachte wertvolle Anregungen für die folgenden Veranstaltungen, gleichzeitig zeigte sich ein hohes Maß an Zufriedenheit mit den inhaltlichen Ergebnissen und Begeisterung für die von Frau Dr. Radka Ivanova geleistete komplexe Organisationsarbeit.
Insgesamt lässt sich sagen: Vielfältig wie die Nationen, wie die unterschiedlichen Institutionen aus unterschiedlich strukturierten Bildungssystemen und wie die Persönlichkeiten der TeilnehmerInnen waren auch die Angebote und Ergebnisse des dichten Arbeitsprogramms. Es bot eine Fülle fundierter Informationen, verlangte aber auch allen einiges an Konzentrationsfähigkeit, Aufnahmebereitschaft, Kreativität und vor allem das sich Einlassen auf das Abenteuer des Lernens in kooperativen Prozessen ab.
Heimliche Heldin der Tagung war Maja, ein 6-jähriges Mädchen, das in einem Video-Interview seiner überschäumenden kindlichen Begeisterung darüber, dass es etwas Neues gelernt hatte, Ausdruck gab. Ein besonderer Dank gilt hier Frau Stefanie Bachmann (Studienseminar für Gymnasien Marburg/Deutschland), die in ihrem Vortrag allen TeilnehmerInnen die Teilhabe an Majas Glücksgefühlen ermöglichte und die Refl exion darüber anregte, wo und wie wir uns und anderen Räume eröffnen können, in denen solche beglückenden Lernerfahrungen (wieder) gemacht werden können: „… da hat sich plötzlich eine Schleuse in meinem Kopf geöffnet…“ Gemeinsames Ringen um Verstehen und Erkennen und solidarisches gegenseitiges Anregen und Unterstützen, wie es zur Grundidee von CLM gehört, können dabei sicherlich hilfreich sein – so wie es viele auch bei dieser Tagung erfahren durften.

Eine detaillierte Beschreibung der Fortbildung, das Konzept (auch in Englisch) und die in der Fortbildung stattgefundenen Vorträge sind hier zu finden.